Sven in Berkeley

Sven Neth, ehemaliger Dornier Stipendiat an der Schule Birklehof (Abi 2012)

"Die Internatszeit hat mir geholfen, offen auf Menschen zuzugehen und mit ganz verschiedenen Personen befreundet zu sein. Ich habe gelernt, meinen Platz in einer Gemeinschaft zu finden und einen großen und heterogenen Freundeskreis zu pflegen. Diese Erfahrungen haben mich für immer verändert und auch meine Studienzeit entscheidend beeinflusst. Von meiner Zeit im Birklehof an habe ich immer versucht, ein reichhaltiges und diverses soziales Netzwerk zu pflegen und so von verschiedenen Menschen zu lernen."


Wer oder was hat dich damals dazu bewogen, dich für ein Dornier Stipendium zu bewerben?
Meinen Eltern war Bildung immer sehr wichtig. Sie haben mich dazu angeregt, mich für ein Internat zu bewerben, um meine Interessen optimal zu fördern. Der Birklehof hatte ein für mich ansprechendes Profil, und die Bewerbung für ein Dornier-Stipendium folgte als logischer nächster Schritt.

An welchem Internat fand damals deine Auswahltagung statt? Wie war das Auswahlwochenende für dich?

Mein Auswahlwochende fand in damals in Schulpforta statt. Es war ziemlich aufregend, von meinem Wohnort in der Nähe von Tübingen nach Schulpforta zu reisen und so viele interessante Menschen dort zu treffen.
Meine Mitbewerber hatten ausgesprochen vielfältige Interessen in klassischer Musik, gotischer Architektur und vielem anderen. Ich erinnere mich gut daran, wie beeindruckt ich von den anderern Kandidaten war. Es war daher eine grosse Ehre für mich, das Dornier-Stipendium zu erhalten.

Wie schwer fiel es dir, deine Heimat zu verlassen und ins Internat zu gehen?

Am Anfang war es auf jeden Fall schwer. Ich vermisste meine Familie, meine Freunde und meinen gewohnten Tagesablauf. Doch es dauerte nicht lange, bis ich neue Freunde am Birklehof gefunden hatte. Das aufregende Leben am Birklehof ließ mich mein Heimweh relativ schnell vergessen.

Sven mit 16 Jahren im winterlichen Birklehof
Sven mit 16 Jahren im winterlichen Birklehof

Wie waren die ersten Internatswochen für dich? Wie entwickelte sich das Internatsleben im Laufe der Zeit?
Es wurde immer besser. Am Anfang musste ich mich erst einmal an die neue Gemeinschaft gewöhnen und meinen eigenen Platz finden. Doch Fremde wurden in wenigen Wochen zu Freunden und Freundinnen, und ich genoss es, ein Teil der Gemeinschaft zu sein.

Hast du im Internat Freundschaften geknüpft?

Definitiv. Einige dieser Freundschaften bestehen noch immer, und wir sehen uns in regelmässigen Abständen. Ich bin sehr froh, diese Menschen kennen gelernt zu haben.

Welche Regeln und Rituale gab es in deinem Internat?
Wir mussten unter der Woche ab 22 Uhr im Haus sein. Diese Regel war nicht immer leicht zu befolgen.

Was unterscheidet ein Internat aus deiner Sicht von einer herkömmlichen Schule?
Als ich im Birklehof lebte, war der Birklehof mein komplettes Leben – zumindest während der Schulzeit. Es gab sozusagen kein Entkommen. Für mich war dies jedoch eine sehr positive Erfahrung, da es mich dazu anregte, mein Leben als kohärentes Ganzes zu gestalten.

In einer herkömmlichen Schule ist es leicht, zwei Leben nebeneinander zu führen: Schule und Freizeit. Das Internat hebt diese Trennung auf, und regt so dazu an, verschiedene Aspekte von Schule und Freizeit miteinander zu verbinden.

Welches Erlebnis aus deiner Internatszeit ist dir bislang besonders in Erinnerung geblieben?
Eine für mich sehr einprägsame Erfahrung war der Besuch der Debattieren-AG. Wir trafen uns nach dem Unterricht, um über verschiedene Themen aus Politik und Kultur regelgeleitet zu diskutieren. Ich fand große Freunde an der argumentativen Auseinandersetzung mit meinen Mitschülern.

Im Rahmen dieser Arbeitsgemeinschaft konnte ich auch an dem Wettbewerb 'Jugend Debattiert' teilnehmen, der mich am Ende bis zum Bundesfinale nach Berlin führte. Es gab sogar ein Gruppenfoto mit dem damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff!

Was lernt man im Internat fürs Leben, das sich nicht in bestimmten Schulfächern ausdrücken lässt?
Mit ganz verschieden Menschen erfolgreich zu kommunizieren und sich als Teil einer Gemeinschaft zu bewähren. Außerdem: Zu seinen politischen und ästhetischen Werten stehen, auch wenn andere nicht immer einverstanden sind.

Welche Interessen hattest du vor dem Internat und wie konntest du sie in Deiner Heimat ausleben?
Vor meiner Internatszeit war ich primär naturwissenschaftlich interessiert, vor allem in Physik und Biologie. Ich war Teil des Schülerforschungszentrums in Bad Saulgau, wo ich gemeinsam mit anderen an einem biologischen Forschungsprojekt arbeitete.

Daneben hatte ich politische Interessen und engagierte mich in verschiedenen lokalen politischen Initiativen. Wir lasen viel Marx.

Wie haben sich deine Interessen in deiner Internatszeit entwickelt?
In meiner Internatszeit konnte ich meine naturwissenschaftlichen Interessen weiter vertiefen, vor allem im Leistungskurs Physik. Doch vor allem lernte ich, dass ich noch mehr Freude an den Geisteswissenschaften habe, vor allem der Philosophie. Das Debattieren war hier sicherlich ein entscheidender Einfluss.

Im Sommer 2011 erhielt ich die Möglichkeit, einen Kurs der Deutschen SchülerAkademie in Urspring zu besuchen. Das Thema dieses Kurses war 'Arbeit'. Wir lasen verschiedene Texte aus Philosophie von Aristoteles und Hannah Arendt sowie Texte aus Sozial- und Wirtschaftswissenschaften zu Spieltheorie und Mikroökonomie.


Wir versuchten, diese disparaten Analysen in einen Dialog miteinander zu bringen. Diese Erfahrung war ausgesprochen wertvoll für mich, und brachte mich dazu, eine akademische Karriere in Forschung und Lehre anzustreben.


Welche Aktivitäten außerhalb des Unterrichts hast Du im Internat ausgeübt und welche gefielen Dir am besten?
Ich hatte große Freude an der Debattier-AG und engagierte ich mich in der Politik-AG, wo wir über aktuelle politische Themen diskutierten. Dies war spannend und lehrreich, vor allem Dank des Engagements von Dr. Michael Walter.

Herr Walter war auch mein Lehrer in Gemeinschaftskunde. Sowohl sein Unterricht als auch die Politik-AG waren immer hervorragend vorbereitet. Ich lernte sehr viel von Herrn Walter, mehr als von irgendeinem anderen Lehrer am Birklehof. Seine charakteristische Art, komplizierte politische Themen prägnant auf den Punkt zu bringen, war ein wichtiger Einfluss in meiner Entscheidung, neben Philosophie auch Politikwissenschaften zu studieren.

Weiterhin hatte ich große Freude daran, als DJ auf Schulparties aufzulegen und den Rest der Schule mit elektronischer Musik zu beschallen. Hier gab es einige Differenzen: Die Mehrheit wollte Pop und Hip-Hop, doch ich wollte unbedingt obskuren Techno und Industrial wie Basic Channel und Ambient Chill spielen. Am Ende kam es auch hier darauf an, den richtigen Kompromiss zu finden.

Ermöglichten dir Zeiten wie verlängerte Ferien und Wochenenden es gut, den Kontakt zur Heimat zu halten?
Ja. Es gelang mir, viele Freundschaften aus meiner Heimat weiter zur erhalten – nicht nur während der Internatszeit, sondern auch noch danach während meines Studiums. Ich habe immer noch Kontakt mit guten Freunden von damals.

Erlebtest du die Zeiten zu Hause vielleicht sogar intensiver als früher?
Das ist eine interessante Frage. Ich denke schon. Die begrenzte Zeit zu Hause zwingt dazu, Unternehmungen nicht lange hinauszuschieben und die verfügbare Zeit so gut wie möglich zu nutzen. Die Präsenz einer Deadline macht eben produktiv.

Das Internat war auch eine gute Vorbereitung auf das Studium, wo ich nur noch in den Ferien nach Hause reiste. Ich denke, dieser langsame Abschied vom Leben mit den Eltern war besser für mich als ein abruptes Ausziehen.

Würdest du wieder auf ein Internat gehen, wenn du die Wahl hättest?
Auf jeden Fall.

Würdest du anderen empfehlen, ein Internat zu besuchen?
Ja. Wer die Möglichkeit hat, ein Internat zu besuchen, sollte diese Möglichkeit nutzen.

Du studierst in Berkeley, University of California, eine der renommiertesten Universitäten der Welt. Wie war der Bewerbungsprozess für Dich, welche Herausforderungen gab es?
Der Bewerbungsprozess war stressig, doch am Ende lief alles gut. Um ehrlich zu sein, war die grösste Herausforderungen die Auswahl zwischen verschiedenen Universitäten, die mir einen Studienplatz anboten, beilspielsweise das M.I.T. in Boston.

Warum hast Du Dich für Berkeley entschieden?
Ich kannte Berkeley bereits, da ich während meines Studiums in Berlin zwei Auslandssemester dort verbracht hatte. Aus diesem Grund hatte ich bereits Kontakt zu den Professoren dort und wusste, dass mir Berkeley genau die Erfahrung bieten würde, wonach ich in meinem Studium suchte. Bis jetzt hat sich dies bewahrheitet, und ich bin immer noch ausgesprochen glücklich, hier zu sein.

Welche Fächer studierst du und warum?
Ich studiere Philosophie, wobei ich mich vor allem mit der Tradition der analytischen Philosophie befasse. Das bedeutet konkret, dass ich versuchte, mathematische Methoden aus Logik und Wahrscheinlichkeitstheorie auf traditionelle philosophische Fragestellungen anzuwenden, beispielsweise die Frage: Was können wir wissen?` oder `Wie sollen wir uns entscheiden?`

Wie weit im Studium bist du?
Ich arbeite momentan an meinem PhD, also dem Doktor. Mein Studienprogramm erfordert den Besuch einer bestimmten Anzahl von Kursen und das Bestehen der ´Qualifying Examinations`, wo wir darauf geprüft werden, ob wir eigenständig forschen und unsere Ergebnisse präsentieren und verteidigen können.

In diesem Sommer habe ich all diese Kurse und Prüfungen erfolgreich abgeschlossen; jetzt geht es nur noch darum, meine Dissertation zu schreiben.

Welche Tipps würdest du Oberstufenschülern im Hinblick auf ihre Universitätswahl und die Bewerbungsphase mitgeben?
In der heutigen Zeit macht es viel Sinn, über ein Auslandsstudium oder zumindest ein Auslandsemester nachzudenken. Es müssen natürlich nicht alle im Ausland studieren, aber man sollte die Option ernsthaft erwägen. Ich persönlich habe damit sehr positive Erfahrungen gemacht – auch wenn ich Deutschland natürlich manchmal vermisse.

Hat dir deine Internatszeit bei den Bewerbungen Vorteile verschafft?

Es war hilfreich, sich schon einmal für ein akademisches Stipendium beworben zu haben. Daher wusste ich, wie man einen Lebenslauf und ein Motivationsschreiben verfasst. Auch wenn diese nur ein kleiner Teil der Bewerbung darstellen, hilft es auf jeden Fall, hier Übung zu haben.

Welchen Herausforderungen begegnest du im Studium?
In der Fremde eine neue Heimat zu finden ist nicht immer leicht. Ich habe eine Weile gebraucht, um zu bemerken, dass es trotz oberflächlichen Ähnlichkeiten viele tiefliegende kulturelle Unterschiede zwischen Deutschland und den USA gibt. Es ist manchmal eine große Herausforderung, diese kulturelle Kluft mental zu überbrücken.

Außerdem ist es nicht immer einfach, eine gute Balance zwischen Arbeit und Freizeit zu finden, da man immer noch mehr Zeit mit Lesen und Schreiben verbringen kann, aber ich versuche mein Bestes. Das Doktorandenstudium ist auf jeden Fall manchmal stressig.

Wie lebst du während des Studiums?
Momentan lebe ich in einem `Co-op`, einem kooperativen Haus, in dem Studierende aus verschiedenen Fächern zusammen wohnen und kochen.

Wie engagiert sind die Professoren und wie ist die Zusammenarbeit ihnen?
Sehr engagiert! Ich bis jetzt sehr gute Erfahrung mit meinen Professoren gemacht. Die Förderung ist individuell und intensiv, und ich werde ermutigt, meine eigenen Interessen nachzugehen. Ich erhalte hilfreiche Rückmeldungen für Essays und Forschungspapiere, die mir helfen, meine Argumentation weiter zu schärfen.

Welche Projektarbeit / welches Thema hat dir bisher besonders gut gefallen?
Gerade bin ich besonders fasziniert davon, bayesianische Wahrscheinlichkeits- und Entscheidungstheorie auf traditionelle philosophische Fragen anzuwenden. Die grundlegende Idee ist, ein formales Modell von Rationalität zu entwickeln, sowohl im Denken
– theoretische Rationalität – als auch im Handeln – praktische Rationalität.

Provokativ gesprochen: Aus dieser Perspektive verwandeln sich vage philosophische Fragen nach dem richtigen Denken und Handeln in präzise mathematische Fragen danach, wie die Wahrscheinlichkeits- und Nutzenfunktion eines idealen rationalen Agenten zu modellieren ist.

Treibst Du irgendwelche Sportarten neben der Uni?
Laufen und Yoga helfen mir, den Kopf frei zu bekommen und nach einem langen Tag an der Uni zu entspannen.

Hast Du auch deutsche Kommilitonen, wenn ja, wie ist der Austausch?
Ja. In meinem Jahrgang, der aus nur sechs Studierenden besteht, sind überraschenderweise zwei andere Deutsche! Das ist ein statistischer Ausreißer – ansonsten ist nur ein anderer Deutscher an unserem Institut.

Wir sind gut befreundet und verbringen gerne Zeit miteinander. Es ist sehr wertvoll, sich über die besonderen Erfahrungen und Herausforderungen eines Doktorandenstudiums im Ausland mit anderen Deutschen austauschen zu können – für praktische Tipps und moralische Unterstützung.

Welchen Tipp würdest Du potentiellen Dornier Stipendiaten mit auf den Weg geben?
Folgt euren Leidenschaften! Ein Klischee, aber trotzdem wahr. Und, noch wichtiger: Es ist okay, wenn nicht immer alles klappt. Seid trotzdem nett zu euch selbst.


Vielen Dank für das Gespräch, Sven!