Henning, Wirtschafts- und Managementstudent, University of Oxford

Henning Zschietzschmann, ehemaliger Stipendiat aus der Landesschule Pforta (Abi 2016)

"Ich habe im Internat eine Fülle an Menschen gefunden, die mir unwahrscheinlich viel bedeuten und in deren Nähe ich mich immer wohlfühlen werde. Ihr solltet mal sehen, wie meine Freunde und ich heutzutage noch ausflippen, wenn wir uns nach einem halben Jahr das erste Mal wiedersehen. Im Internat ist es schwer, keine engen Freundschaften zu knüpfen. Die intensive Zeit mit all ihren wunderbaren Erinnerungen und auch der ein oder anderen Schwierigkeit schweißt Menschen auf eine Art zusammen, die man vorher und nachher kaum für möglich hält und schwer beschreiben kann."


An welchem Internat fand deine Auswahltagung statt? Wie war das Auswahlwochenende für dich?
Schon das Auswahlwochenende in Afra war die Bewerbung wert. Die Kandidaten waren sympathisch, vielseitig interessiert und bei den interaktiven Aufgaben mit vollem Einsatz dabei. Natürlich ging es auch darum, der Jury möglichst häufig seine Schokoladenseite zu zeigen. Das passierte jedoch ganz ungezwungen und nebenbei im Kontakt mit bemerkenswerten Menschen.


Wie waren die ersten Internatswochen für dich? Wie entwickelte sich das Internatsleben im Laufe der Zeit?
Die ersten Wochen waren die reinste Achterbahn. Alles neu – Schule, Lehrer, Mitmenschen, Meinungen und Möglichkeiten. Ein Internat hat seine ganz eigene Dynamik mit eigenem Alltag, Traditionen und Regeln. Anfangs erscheinen sie vielleicht nicht immer sinnvoll. Nach kurzer Zeit schätzt man sie jedoch sehr. 


Natürlich kennt man anfangs kaum jemanden. Deshalb schnappte ich mir häufig ein oder zwei Freunde, klopfte einfach blind an die Türen anderer Schüler und verbrachte dann den ganzen Abend mit Gesprächen und Geschichten. 


Es geht erstaunlich schnell, bis man den Großteil seiner neuen Mitbewohner recht gut kennt und sich pudelwohl fühlt. Der Gedanke, nur das ein oder andere Wochenende zu Hause verbringen zu können, erscheint angenehmer, als man es für möglich gehalten hätte. 


Nach den ersten Wochen geht es so richtig damit los, sich Projekte oder sportliche Freizeitbeschäftigungen zu suchen und die neuen Bekanntschaften Schritt für Schritt in lebenslange Freundschaften zu verwandeln. 


Wie hast Du Dich charakterlich in der Internatszeit verändert? Was hast du im Internat auf sozialer Ebene gelernt?

Als noch sehr formbarer Mensch mit einem großen Pool anderer Individuen nahezu täglich auf engstem Raum zusammenzuleben, ist einzigartig. 


So kommt man um Konfrontationen und deren Schlichtung nicht herum. Man muss sich tatsächlich gut überlegen, wie man mit den Mitmenschen am besten umgeht. 


Man beobachtet eine Vielfalt an Verhaltensmustern, die man sich selbst entweder schleunigst abgewöhnt oder aneignet. 


Nicht selten war ich beeindruckt davon, wie ein Mitschüler ein persönliches Problem gemeistert hat. Das hätte ich außerhalb der Internatswelt so nicht erlebt. Ich habe probiert, beim nächsten Mal ebenso gelassen, selbstbewusst oder einfühlsam aufzutreten. 


Vor dem Internatsbesuch war ich mir meiner sozialen Kompetenz nicht ganz so sicher. Heutzutage zähle ich sie zu meinen größten Stärken.


Unterscheiden sich Lehrer an Internaten von Lehrern an herkömmlichen Schulen?
Es ist spürbar, dass das gegenseitige Interesse und der Respekt, mit dem sich Lehrer und Schüler akademisch als auch persönlich im Nachmittagsbereich begegnen, stärker ist. 


Das bringt dann auch für die Lehrer den Anreiz, den Schülern das Material bestmöglich zu vermitteln und sogar die außerunterrichtliche Förderung in Wettbewerben und AGs enthusiastisch zu unterstützen. 


Einige meiner Freunde haben mit Lehrern eine Beziehung aufgebaut, die auch nach der Schulzeit als eine Art Freundschaft anhält, was bemerkenswert ist.


Was hat sich durch die Internatszeit in deinem Leben verändert?
Ohne eine zufällige SMS eines Freundes, den ich über ein Jahr nicht gesehen hatte, und eine gute Portion Spontanität wäre ich nie nach Schulpforte gegangen. 


Ohne Schulpforte hätte ich nie die unvergesslichen Erfahrungen gemacht und die engen Freundschaften geschlossen, auf die ich heute so stolz bin. Außerdem wäre ich nie – auch wieder recht spontan – an der University of Oxford gelandet.


Dort bin ich momentan so zufrieden, dass ich jeden aufregenden Tag hier schätze. Also wenn der Internatsbesuch eins für mich war, dann auf jeden Fall lebensverändernd.


Welches Erlebnis aus deiner Internatszeit ist dir besonders in Erinnerung geblieben?
Es gibt viel zu viele. Ich und meine Jungs aus dem Internat haben eine Dropbox mit hunderten Fotos und hinter jedem steckt eine schöne Geschichte, jedes Bild bringt eine kleine Dosis Nostalgie mit sich. 


Ich kann nur jedem raten, die Internatszeit voll zu genießen und so viele schöne Erinnerungen zu schaffen wie möglich.

Henning mit 17 Jahren und netten Freunden auf dem Gelände der Landesschule Pforta
Henning mit 17 Jahren und netten Freunden auf dem Gelände der Landesschule Pforta

Welche Aktivitäten außerhalb des Unterrichts hast Du im Internat ausgeübt und welche gefielen Dir am besten?

Außerhalb des Unterrichts habe ich über die Jahre Fußball und Rugby gespielt und die Crossfit-AG geleitet.


Den inneren Nerd konnte ich auch voll rauslassen und habe regelmäßig an naturwissenschaftlichen Wettbewerben wie der Matheolympiade und Formel1inschools teilgenommen.


Hin und wieder saß ich am Klavier und war zwischendurch als Klassen-, Flur- und Schülersprecher tätig.


Das war zwar alles superwichtig als Ausgleich zum Alltag, aber am besten war immer die Zeit, die man manchmal abends mit Freunden einfach verschwendet hat im Internatszimmer oder irgendwo in der atemberaubenden Natur um Schulpforte herum.


Würdest du wieder auf ein Internat gehen, wenn du die Wahl hättest? Würdest du anderen empfehlen, ein Internat zu besuchen?

Ohne Frage. Es kann keinem offenen Menschen schaden, etwas früher als gewöhnlich ins kalte Wasser der Eigenverantwortung – aber gleichzeitig in eine so warmherzige Umgebung geworfen zu werden.


Gab es in eurem Internat Austauschprogramme bzw. die Gelegenheit, Schüler aus anderen Ländern kennenzulernen?
Ja. Ich habe Schüler aus Norwegen, Polen, Venezuela und Ecuador kennengelernt und die Zeit mit ihnen wirklich genossen. Meistens war es wirklich schade, dass sie nur für relativ kurze Zeit blieben.


Du studierst jetzt an der University of Oxford, eine sehr renommierten Universität. Wie war der Bewerbungsprozess für Dich, welche Herausforderungen gab es?

Danke, danke! Die Uni mag renommiert sein, letztendlich ändert das nichts daran, dass man als Student oft erlebt, wie wenig Plan man von allen möglichen Dingen hat und sich fragt, wie man es geschafft hat, sich erfolgreich durch den Bewerbungsprozess zu schmuggeln.


Wieder lief alles recht spontan. Nur eine knappe Woche vorher informierte mich eine Freundin über die bevorstehende Deadline zur Bewerbung für Oxford und Cambridge. Also kramte ich alle möglichen persönlichen Daten, ein eigenes Motivationsschreiben und die Referenz eines Lehrers zusammen und bewarb mich.


Danach folgte ein fachspezifischer Test in Berlin und kurz darauf Interviews mit den zukünftigen Professoren oder Tutoren. Allein in einem Raum mit zwei in ihrem Fach international renommierten Personen wird einem dann doch etwas mulmig. Der Prozess ist schon recht kompliziert und nicht selten fragt man sich, wieso man sich überhaupt zutraut, eine Chance zu haben.


Wenn man einmal hier ist, war es die Mühe zu hundert Prozent wert. Trotzdem realisiert man nur langsam, wie weit entfernt man von Familie und Internatsfreunden sein wird.


Ich hatte zu der Zeit eine langjährige Freundin, von der ich natürlich um nichts in der Welt so weit entfernt sein wollte. Mit dem Gedanken daran zurechtzukommen, war eigentlich die größte Schwierigkeit in der ganzen Bewerbungsphase.


Warum hast Du Dich für Oxford entschieden? Welche Fächer studierst du und warum?

Weil ich irgendwie wusste, dass ich mich in die Stadt und sowohl die akademischen als auch sozialen Seiten des Lebens hier verlieben würde.


Alles ist unglaublich intensiv, ein Trimester dauert nur acht Wochen und zwischen all den Aufsätzen, Vorlesungen, dem Sport, Events mit international bekannten Rednern und Studentenfeiern bleibt eigentlich kaum Zeit zum Durchatmen. Genau das macht es auch interessant.


Wie lebst du in England während der Terms?

Es ist wirklich schön – auch, weil die Stadt weder zu groß noch zu klein ist – so viele Kommilitonen zu kennen. Man ist häufig erschöpft von dem Mix aus Studium, Sport und langen Nächten, aber irgendwie doch recht glücklich. Die Angst, zu wenig zu leben, schwindet komplett aus dem Sinn.


Trotzdem geht alles unglaublich schnell vorüber und bevor man wirklich Luft holen kann, ist auch schon wieder ein weiterer Term vorbei.


Eine Besonderheit ist, dass die University of Oxford in kleine föderale Untereinheiten – genannt Colleges – unterteilt ist.


Ein Teil des Studiums findet zentral mit dem ganzen Kurs zusammen statt und der andere Teil in Tutorials in den Colleges. Das sind wöchentliche Treffen mit Professoren in deutlich kleineren Gruppen – meistens zwei bis drei Leute.


Wegen der Gruppengröße kann man sich schlecht um Aufsätze oder Aufgabenblätter herumdrücken. Ich bin von Natur aus doch eher ein fauler Mensch, also hilft mir das extrem dabei, alle Arbeit gewissenhaft zu erledigen und im intensiven Studium hier am Ball zu bleiben.


Die Colleges sind tatsächlich mit Internaten vergleichbar und das Leben fühlt sich relativ ähnlich an – abgesehen von dem höheren Grad an Selbstständigkeit und Intensität.


Wie engagiert sind die Professoren und wie ist die Zusammenarbeit ihnen?

Engagement variiert von Professor zu Professor. Wegen des zuvor beschriebenen Tutorialsystems wird jedoch unglaublich viel Zeit in jeden einzelnen Studenten investiert – so personalisiert, dass man tatsächlich das Gefühl hat zu verstehen und voranzukommen.


Welche Sportarten betreibst du neben der Uni?

Ich spiele Rugby und Fußball fürs College, gehe häufig Joggen und betreibe regelmäßig Kraftsport.


Warum machst du Sport, was gibt er dir?
Mannschaftssport ist für mich zum einen notwendiger Ausgleich und zum anderen Quelle guter Freundschaften und Erinnerungen an gemeinsam errungene Triumphe.


Joggen gehe ich ehrlich gesagt nur, weil ich wirklich unfit bin und meine Figur es auch vertragen kann. Wenigstens sieht der Park manchmal morgens absolut atemberaubend aus, wenn noch etwas Nebel über den Wiesen lungert.


Dann wünscht man sich häufig, man hätte eine Kamera dabei. Andererseits wäre das dem Joggen ziemlich hinderlich und deshalb wünscht man es sich irgendwie auch nicht.


Du engagierst dich sehr bei Project Access, ein Non-Profit Social Start-Up von Studenten für den gerechten Zugang zu Bildung. Erzähl uns mehr darüber!

ProjectAccess wurde 2016 gegründet. Ziel ist, dass der Zugang zu guten Unis irgendwann rein auf meritokratischer Basis abläuft.


Das ist momentan noch nicht der Fall. Faktoren wie Zugang zu Informationen oder sozioökonomischer Hintergrund spielen eine große Rolle bei der Aufnahme in Harvard, Oxford und Co.


Daran wollten die Gründer etwas ändern. Deshalb arbeiten wir heute in mehreren „Countryteams“ international daran, prospektive Studenten kostenlos mit unseren mehr als 2000 Mentoren zu matchen.


Die haben den Bewerbungsprozess irgendwann in der Vergangenheit erfolgreich durchlaufen. Daher haben sie sowohl den ein oder anderen Tipp auf Lager als auch wichtige Informationen und Ressourcen.


Außerdem machen wir den Zugang zu Informationen einfacher und probieren über Vorträge in Schulen, Schüler auf der ganzen Welt zu ermutigen, den oft überwältigend erscheinenden Schritt der Bewerbung zu wagen.


Das Projekt hat schnell Fahrt aufgenommen. Es ist superspannend, mit anzusehen, wo die Reise für uns hingeht und auch selbst einen kleinen Teil beitragen zu können. Ich kann auf jeden Fall empfehlen, sich die Website mal anzuschauen und mehr über die Sache herauszufinden.


Du hast in England sicherlich schon viele Kommilitonen kennenglernt, die ebenfalls auf ein Internat gegangen sind. Verbindet euch das irgendwie?

Klar, hier wimmelt es nur so von Internatsschülern.


Große Unterschiede merkt man nicht, weil fast alle Kommilitonen, die ich hier treffe, interessante und tolerante Menschen sind. Von denen kann man viel lernen kann, ganz egal wo in der Weltgeschichte sie vorher so unterwegs waren.


Trotzdem verbindet es natürlich irgendwie, ähnliche Dinge erlebt zu haben. Gleich ein Konversationsthema serviert zu kriegen, wenn man herausfindet, dass das Gegenüber auch im Internat war, ist auch nicht schlecht.


Welchen Tipp würdest Du potentiellen Dornier Stipendiaten mit auf den Weg geben?

Das Dornier Stipendium ist eine wunderbare Chance und auf jeden Fall eine Bewerbung wert. Selbst wenn es nicht klappt, ist mein Rat, nicht lange den Kopf hängen zu lassen sondern einfach offen, tolerant und optimistisch durch die Welt zu gehen, Gelegenheiten zu ergreifen und zu schauen, wo die Reise so hingeht.


Vielen Dank für das Gespräch, Henning!