Heidelberg

Conrad Theilemann, ehemaliger Stipendiat aus der Landesschule Pforta (Abi 2017)

Als Tipp gibt Conrad Bewerbern fürs Dornier Stipendium: "Jeder potentielle Dornier-Stipendiat sollte das Auswahlwochenende als Möglichkeit sehen, mit einzigartigen Menschen an einem einzigartigen Ort Zeit zu verbringen. Und wenn es dann mit dem Stipendium klappt, ist das ein wunderbares Sprungbrett für einen der prägendsten Lebensabschnitte überhaupt. Mir hat das Stipendium jedenfalls unglaublich geholfen, meine Zeit im Internat zu genießen und viele neue Bekannt- und Freundschaften zu schließen. Deshalb hoffe ich, dass auch in Zukunft junge Menschen diese Möglichkeit nutzen können und wollen."


Wie schwer fiel es dir, deine Heimat zu verlassen und ins Internat zu gehen?
Das fiel mir tatsächlich nicht besonders schwer. Ich war ja zwei Jahre zuvor von Rumänien nach Deutschland gezogen und hatte schon einen großen Tapetenwechsel hinter mir. Trotzdem war der Anfang in Pforte für mich nicht weniger aufregend. Anfangs hatte ich zwar ein bisschen Heimweh, aber das verfliegt in Pforte wahnsinnig schnell.


Wie waren die ersten Internatswochen für dich? Wie entwickelte sich das Internatsleben im Laufe der Zeit?
Die ersten Internatswochen waren für mich unglaublich spannend und aufregend. Das ging schon damit los, dass man am ersten Tag von Dutzenden älteren Schülern besucht wurde, die nur so sprudelten vor Tipps, Tricks und lustigen Geschichten über den neuen Klassenlehrer, den man selbst noch nicht einmal kannte.


In diesem Geist vergingen auch die ersten Wochen, man war immer gespannt auf das nächste Aufnahmeritual und die nächste Aktion der Älteren.


Nach einiger Zeit hat sich diese „Ferienlagerstimmung“ natürlich etwas gelegt. Dann fing man schon an, selbst Gewohnheiten und eine gewisse Routine zu entwickeln und wuchs immer mehr in die große Pforte-Gemeinschaft hinein.


Wie hast du dich charakterlich in der Internatszeit verändert?
Grundsätzlich bin ich in Pforte wesentlich selbstständiger und selbstbewusster geworden. Das klingt ziemlich abgedroschen aber trifft meiner Meinung nach trotzdem zu.


Es ist nicht einfach, die Intensität und Bedeutung dieser vier Jahre in Worte zu fassen. Sie lassen sich jedoch erahnen, wenn man einen Schüler über Pforte sprechen hört.


Als ich in Pforte ankam, war ich relativ schüchtern und introvertiert. Aber das Internatsleben macht es einem unglaublich einfach, Freundschaften über die Klasse oder den Jahrgang hinaus zu knüpfen und die eigenen Interessen auszuleben beziehungsweise neue zu entdecken.


Die enge Gemeinschaft im Internat und die Begeisterung der Pfortenser, die überall zu spüren ist, haben mir die einzigartige Möglichkeit gegeben, tolle neue Menschen kennenzulernen und immer wieder neue Herausforderungen in Angriff zu nehmen.


Charakterlich hat mich die Internatszeit so geprägt, dass ich ebendiese Möglichkeiten auch zu nutzen gelernt habe.


Was hast du im Internat auf sozialer Ebene gelernt?
Da habe ich in erster Linie gelernt, das alltägliche ununterbrochene Zusammenleben mit unterschiedlichsten Charakteren zu meistern. Das birgt durchaus einige Herausforderungen.


Und vor allem habe ich gelernt, wie erfüllend und abwechslungsreich das Internatsleben werden kann, wenn man sich darauf einlässt. Faszinierend war für mich auch, wie schnell sich in einer derart zusammengewürfelten Klasse bzw. einem Jahrgang ein unvergleichlicher Zusammenhalt entwickelt.

Conrad (links) mit 16 Jahren beim Martini-Gänseessen

Inwiefern unterscheiden sich Internats-Freundschaften von anderen?
Im Internat habe ich viele Freundschaften geknüpft, die sich von anderen Freundschaften vor allem durch ihre Tiefe und Intensität abheben.


Im Internat habe ich Menschen kennengelernt, zu denen ich ansonsten nie Kontakt gehabt hätte, die ganz unterschiedliche Erfahrungen und Erlebnisse mitbringen.


Dass in Pforte Freundschaften fürs Leben entstehen, wie so oft gesagt wird, ist in meinem Fall absolut zutreffend. Eine Freundschaft in Pforte bedeutet, dass man zu jeder Tageszeit und in jeder Lebenslage beisammen ist.


Natürlich fehlt da auch der berüchtigte Lagerkoller nicht, vor allem, wenn man am Internatswochenende gemeinsam die im Vergleich zur Schulwoche unbegrenzte Freiheit genießt. Er verfliegt aber schnell, weil man die Möglichkeit hat, seine Mitmenschen auf vielen verschiedenen Ebenen kennenzulernen.


Dass die viel beschworene Privatsphäre dabei unangetastet bleibt, wage ich an dieser Stelle nicht zu behaupten. Das muss ja nicht immer etwas Schlechtes sein.


Man ist in Pforte eben sehr selten allein. Das kann anstrengend sein, wenn man mal Zeit für sich braucht, birgt aber auch die Gewissheit, dass immer jemand in der Nähe ist, mit dem man teilen kann, was einen gerade beschäftigt.


Welche Rituale gab es in deinem Internat?
In Pforte gab es eine Vielzahl an Ritualen. Das waren hauptsächlich Aufnahmerituale, die dem Internatsleben eine jahrgangsübergreifende Dynamik verliehen. Dazu gehörten der Frühsport, das sogenannte „Neunerduschen“ und die Nachtwanderung.


Die wichtigsten Rituale waren und sind die Taufe und der „Schwoof“. Die Taufe war ein nächtlicher Spaziergang zur Kloppstockquelle im nahen Wald, bei dem jeder Neuner von einem Zwölfer einen fantasievollen Taufnamen erhielt.


Endgültig besiegelt wurde die Aufnahme der neuen Pfortenser in die Gemeinschaft beim Schwoof, einer abendfüllenden Spaßveranstaltung für die ganze Schule, die der Elferrat – Schüler der 11. Klasse – organisierte. Inhaltlich bestand dieses Event hauptsächlich aus unterschiedlichsten Aufgaben, die die Neuner, und manchmal auch Lehrer, zur Erheiterung der Zuschauer bestehen mussten.


Fasziniert hat mich vor allem, diese Rituale aus unterschiedlichen Perspektiven erleben zu können, wenn man vom Teilnehmer zum Zuschauer und letzten Endes zum Organisator wurde.


Wer oder was hat dich damals dafür bewogen, dich für ein Dornier Stipendium zu bewerben?
Mir wurde damals, im Schuljahr 2015/16, von der Schulleitung vorgeschlagen, mich für ein Stipendium bei der Dornier-Stiftung zu bewerben.

An welchem Internat fand wann deine Auswahltagung statt? Wie war das Auswahlwochenende für dich?

Meine Auswahltagung fand 2015 in Pforte statt. Mir hat das Auswahlwochenende damals sehr viel Spaß gemacht.

Es war in der Hinsicht auch etwas Besonderes, dass ich es gerade in Pforte erleben konnte. Man war natürlich auch ein kleines bisschen Stolz darauf, wenn man den anderen Teilnehmern begeistert das eigene Internat zeigen konnte.

Die Schüler, die die Tagung mitorganisierten, kannte ich ja nun schon aus den letzten zwei Schuljahren und in Verbindung mit der heimischen Atmosphäre hat das viel dazu beigetragen, dass ich das Auswahlwochenende sehr genossen habe.


Welches Erlebnis aus deiner Internatszeit ist dir besonders in Erinnerung geblieben?
Es gibt unzählige Erlebnisse aus meiner Pforte-Zeit, die mir bis heute in Erinnerung geblieben sind. Besonders treffend beschreiben meinen Werdegang in Pforte vermutlich die Immatrikulationsfeiern.


Meine Immatrikulation, also die offizielle, feierliche Begrüßung des neuen Neuner-Jahrgangs, war damals sehr aufregend und vermittelte durch die geschichtsträchtige Klosterkirche eine ganz besondere Bedeutung, obwohl ich nicht den Hauch einer Ahnung hatte, was für eine intensive Zeit vor mir lag.


Ebenso lebhaft ist mir die Immatrikulation in meiner 12. Klasse in Erinnerung geblieben. Sie stellt den Anfang meines schönsten Jahres in Pforte dar und ist gleichzeitig die letzte Immatrikulationsfeier, die ich als Schüler erlebt habe.


Was lernt man im Internat fürs Leben, dass sich nicht in Schulfächern ausdrücken lässt?
Ich denke, im Internat lernt man vor allem, mit Menschen aller Art klarzukommen und das beste aus Situationen zu machen, die man nicht ändern kann. Nicht immer läuft das Leben mit den neuen Mitbewohnern ganz reibungsfrei und harmonisch und in Pforte lernt man sehr schnell, sich mit der Situation zu arrangieren und auf andere einzugehen.


Da merkt dann oft, dass der neue Zimmerkollege doch gar kein so übler Kerl ist. Auch was das Zeitmanagement angeht, sammelt man im Internat wertvolle Erfahrungen, weil es oft einiger Anstrengung bedarf, bis man Schule, Sport und Chor et cetera erfolgreich unter einen Hut bringen kann.


Was bedeutet dir die lange Geschichte der Landesschule Pforta? Inwiefern ist sie heute noch spürbar?
Angesichts der Geschichte der Landesschule empfinde ich ein bisschen Stolz und viel Dankbarkeit, dass ich dieses Internat besuchen durfte. Heutzutage ist die Geschichte in gewisser Weise allgegenwärtig, wenn man auf dem Schulgelände die Klosterkirche, den Kreuzgang oder den Friedhof besucht – Orte, die den genius loci des Klostergeländes ausmachen.


Ganz anders und nicht weniger eindrücklich spürt man die jahrhundertealte Tradition, wenn in der jährlichen ecce-Feier der im letzten Jahr verstorbenen Alumni gedacht wird.


Wie haben sich deine Interessen in deiner Internatszeit entwickelt?
Pforte mir die Möglichkeit gegeben, die Interessen, die mich zum naturwissenschaftlichen Zweig geführt haben, zu vertiefen. Ich hatte die Möglichkeit, an mehreren Wettbewerben und im Rahmen des Tages der Technik an interessanten Vorträgen teilzunehmen. Darüber hinaus hat meine Internatszeit auch dazu beigetragen, dass ich alte Interessen wiederentdecken und neue finden konnte.


Da waren zum Beispiel der Chor, der mir sehr viel Spaß gemacht hat, und die Floorball-AG, eine Sportart, auf die ich zuhause wahrscheinlich nie gekommen wäre.

Welche außerschulischen Aktivitäten gefielen dir im Internat am besten?
Am besten gefallen hat mir mit Abstand der Chor. Da hatte ich die Möglichkeit, mich außerhalb meines Zweigprofils zu engagieren und habe viele neue Freundschaften geschlossen, die über meine Klasse und meinen Jahrgang hinausgingen.


Erwähnenswert ist an dieser Stelle auch das Schweiz- bzw. Reformationsprojekt, in dessen Rahmen wir als Schüler einen Film gedreht haben. Das war zwar oft sehr anstrengend und zeitraubend, hat aber gezeigt, wie viel man als kleine Gruppe auf die Beine stellen kann.


Du arbeitest gern mit Kindern und warst im Ferienlage schon als Betreuer tätig.

Wie gefällt dir die Arbeit mit Kindern? Was glaubst du, ihnen mitgeben zu können?
Die Arbeit mit Kindern hat mir immer sehr viel Freude bereitet. Natürlich kostet so etwas oft viel Anstrengung, aber wenn man merkt, dass man bei den Kindern etwas erreicht hat, ist die Arbeit als Betreuer sehr erfüllend.


Ich denke, dass ich den Kindern ein gewisses Maß an Selbstvertrauen und Selbstständigkeit mitgeben kann. So ein Ferienlager ist ja ein bisschen wie ein Kurzzeitinternat. Kindern das Heimweh zu nehmen, ist da sehr wichtig.


Wie hat sich die Beziehung zu deiner Familie durch das Internat verändert?
Durch das Internat habe ich gelernt, die Zeit mit meiner Familie mehr zu schätzen. Wichtig ist meiner Meinung nach, dass man neben dem Internat ein zweites Standbein hat, einen Rückzugsort, wenn man mal Abstand braucht. Das war für mich meine Familie.


Was bedeutet dir deine ursprüngliche Heimat Rumänien?
Das Leben in Rumänien hat mich sehr geprägt. Einerseits hatte ich die Möglichkeit, eine völlig andere Sprache und Kultur kennenzulernen, andererseits habe ich dort einen wesentlichen Teil meiner Kindheit verbracht, viele Freunde gefunden und wertvolle Erfahrungen gemacht.


Es hat mir immer sehr viel Freude bereitet, wenn meine Zeit in Rumänien bei meinen Freunden in Pforte auf großes Interesse stieß. Der Bauernhof meine Großeltern in Rumänien birgt unzählige Kindheitserinnerungen und wird für mich immer ein Ort bleiben, an den ich gerne zurückkehre.


Würdest du wieder auf ein Internat gehen, wenn du die Wahl hättest?
Das würde ich unbedingt wieder tun, ich kann es anderen nur empfehlen, sich auch auf ein Internat und am besten natürlich auf Pforte zu bewerben. Die vier wunderbaren Jahre, die ich im Internat verleben durfte, will ich um keinen Preis missen.


Du hast inzwischen Abitur, herzlichen Glückwunsch!
Wie leicht fiel es dir, dich auf einen neuen Lebensabschnitt einzulassen?
Das war ein zweischneidiges Schwert. Natürlich war es nach vier Jahren Internat nicht mehr die größte Herausforderung, zuhause endgültig auszuziehen, aber es fiel mir schon schwer, mich wieder an den Tagesablauf und den Alltag außerhalb des Internats zu gewöhnen.


Das lag auch daran, dass sich die Menschen, mit denen man vier Jahre zusammengelebt hat, in alle Winde zerstreut haben. Ich bin mir aber sicher, dass die Freundschaften, die ich in Pforte geschlossen habe, auch große Entfernungen überdauern werden.


Möchtest du studieren oder studierst du schon? Wenn ja, was, wo und warum?
Momentan studiere ich in Heidelberg Jura im ersten Semester. Für Jura habe ich mich entschieden, weil es mich schon immer irgendwie interessiert hat und die Arbeit mit Texten mit einer logisch-analytischen Methodik verbindet, beides Disziplinen, die mich auch schon im Internat fasziniert haben.